Aktuelles

Im Chaos der Gefühle 

Dezember 2017

 

ISBN Taschenbuch

978-3-7439-1025-6

 

ISBN Hardcover

978-3-7439-1026-3

 

ISBN E-Book

978-3-7439-1027-0

 

Verlag Tredition

 

 

Judith Hohmann Autorin & Tierschutz
Judith Hohmann Autorin & Tierschutz

Eine fast tödliche Fahrt

Viertel nach Sieben. Es wurde Zeit für Susanne Neuberger, als sie aufwachte. Die Sonne schien bereits durch die Vorhänge. Nicht ungewöhnlich für den Monat Juli.

Nachdem sie sich geduscht und angezogen hatte, griff sie nach einem kleinen Bissen in den Toast mit Erdbeermarmelade und einem kräftigen Schluck Cappuccino, bei dem sie sich beinahe den Mund verbrannte, nach dem Schlüsselbund auf der Anrichte und eilte zur Wohnungstür.

Während der Fahrt zum Laden dachte sie daran, dass es heute eine Menge Arbeit für sie zu tun geben würde. Erst vergangene Woche war sie mit dem Renovieren des kleinen Ladens in der Fußgängerzone fertig geworden.

Gut sah er jetzt aus, dachte sie zufrieden und kam ein paarhundert Meter von ihrem Wohnhaus, in dem sie in einer geräumigen Drei-Zimmer-Wohnung lebte, an einer Kreuzung vor einer Ampelanlage zum Stehen.

Heute wollte sie mit zusammen ihrer Geschäftspartnerin Verena die Kartons mit der Kleidung auspacken. Und wenn nichts dazwischenkam, würde die Neueröffnung der kleinen Boutique, die den Namen „Fashionland“ tragen sollte, reibungslos in der kommenden Woche stattfinden können.

Sie war noch immer tief in ihren Gedanken um die Neueröffnung versunken, als es hinter ihr zu hupen begann. Erschrocken bemerkte sie, wie die Ampel bereits auf Grün umgeschaltet hatte, und sie winkte mit einem Blick in den Spiegel dem hinter ihr haltenden Fahrzeug zu.

Dann fuhr sie los.

Um Neun hatte sich Susanne mit Verena Sauer im Laden verabredet.

Als die Dreißigjährige nun in die Herrmannstraße einbiegen wollte, geschah es: Erst jetzt sah sie die Ölspur, die sich über die gesamte Fahrbahn ausbreitete. Und obwohl sie noch versuchte ihre Vespa gegenzulenken, rutschte ihr der Hinterreifen weg. Und in Sekundenbruchteilen stürzte sie mit dem Roller zu Boden.

Während sie fiel, erblickte sie die Limousine, die ebenfalls in die Straße einbiegen wollte und jetzt direkt auf sie zuhielt. Und ihre Augen weiteten sich, als sich der Wagen immer weiter näherte. Mit einem Male lief vor ihren Augen ihr Leben wie ein Film vor ihr ab. Da waren die Pflegeeltern, bei denen sie aufwuchs, nachdem ihre leiblichen Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren. Sie sah Andreas Lächeln vor sich. Andreas, der Sohn von Marga und Peter Sanders. Er war fünf Jahre älter als sie und hatte in einer Universitätsstadt, die etwa hundert Kilometer von ihrem Heimatort entfernt lag, Medizin studiert.

Mit einem Moment auf den anderen aber war es, als ob der der Film reißen würde. Da war nur ein kurzer stechender Schmerz, und schließlich wurde es dunkel um Susanne Neuberger herum.

 

Als die junge Frau erwachte, fand sie sich in einem Krankenbett wieder. Für einen Augenblick war ausschließlich Leere in ihr, doch dann kam langsam die Erinnerung zurück. Sie erinnerte sich an eine Menschenmenge um sie herum. Wie von weitem vernahm sie immer wieder Stimmen, die sagten: „Gehen Sie doch bitte weiter!“ Verschwommen nahm sie zwei Personen in orangenfarbener Kleidung um sich herum wahr, die aufgeregt über sie gebeugt waren. Sie murmelte nur unverständlich und unter Schmerzen „Mein Bein – es tut so weh“ und konnte hören, wie einer der beiden Männer sagte „Keine Sorge, das wird schon wieder.“

Danach war da eine Gedächtnislücke. Susanne schob es darauf, dass sie bewusstlos geworden war. Sie konnte sich nur noch an einen kurzen Moment entsinnen, als sie im Krankenwagen kurz die Augen öffnete und wie in weiter Entfernung Sirenen ertönten. Und überall war blaues Licht um sie herum.

Auf der anderen Seite des Raums wurde eine Tür geöffnet. Eine Krankenschwester trat ein.

Die ältere graumelierte Frau lächelte, als Susanne sie anschaute. „Es ist schön, dass Sie wach sind. Wie fühlen Sie sich?“ Sie trat an das Bett heran und überprüfte die Infusionsflasche. „Wissen Sie, Sie haben uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“ Bei diesem Satz blickte sie auf Susannes Bein hinab.

„Was ist mit mir?“, wollte die junge Frau wissen. Es wurde Zeit, dass sich ihre Gedächtnislücken wieder schlossen.

„Das wird Ihnen der diensthabende Arzt, der Sie auch operiert hat, sicher selbst erzählen wollen“, antwortete die Schwester. „Ich werde ihn gleich darüber informieren, dass Sie aufgewacht sind.“

Mit diesen Worten ließ sie Susanne alleine zurück.

Der diensthabende Arzt wollte es ihr also selbst berichten. Bei diesem Gedanken blickte sie ein wenig geistesabwesend zur weißgetünchten Wand hinüber. Es war doch noch alles an ihr dran. Ja, sie hatte zwar Schmerzen und fühlte sich immer noch müde. Aber weshalb also wollte der diensthabende Arzt mit ihr selbst sprechen? Sie begriff nicht ganz.

Die Krankenschwester war seit geraumer Zeit nicht mehr anwesend, als erneut die Tür geöffnet wurde. Susanne blickte auf. Die Sonne, die Licht in den Raum warf, blendete sie so, dass sie nur eine Person in weißem Kittel erkennen konnte. Das Gesicht allerdings sah sie nicht.

Sie kniff die Augen zusammen.

„Hallo Susanne“, vernahm sie eine altvertraute Stimme. Dann, nachdem die Person aus dem Lichtkegel der Sonne heraus näher an das Bett herantrat, erkannte sie ihn.

„Andreas“, sagte sie beinahe tonlos. Da war es wieder, dieses unbeschreibliche Gefühl, das sie sie schon damals verspürte, als sie noch zu Hause bei ihren Pflegeeltern war. Da waren stets ihre Blicke, die sich kreuzten, die kleinen Berührungen, die in ihr Gefühle auslösten, die sie sich selbst anfangs nicht erklären konnte. Und doch schaltete sie stets die Gefühle in ihr aus, denn sie konnte es nicht in Einklang bringen, dass sie für den Sohn ihrer Pflegeeltern mehr als nur Sympathie empfand. Auch in diesem Moment versuchte sie sich dagegen zu wehren.

Sie war gerade zehn Jahre alt geworden, als sie zu den Sanders kam. Marga und Peter Sanders nahmen sie wie ihre eigene Tochter auf, und auch bei Andreas war sie herzlich willkommen. In den Jahren, in denen sie den Tod ihrer Eltern versuchte zu vergessen, entwickelte sich zwischen Andreas und ihr ein Band, das stärker war als das von Geschwistern. Als Andreas dann zur Uni ging, um zu studieren, verpasste dies Susanne einen Stich mitten ins Herz, denn in dem vergangenen letzten Jahr, das sie miteinander verbrachten, entwickelte sich in Susanne mehr als nur Zuneigung. Es wurde einfach Liebe daraus. Auch Susanne war schließlich aus dem Haus gegangen, um ihren eigenen Weg zu gehen.

Nun, mit Dreißig, hatte sie sich etwas aufgebaut. Sie wollte mit Verena ihre erste eigene Boutique eröffnen. Und sie wollte vergessen, was sie für Andreas empfand. Sie vermied seinen Namen, wenn sie bei ihren Pflegeeltern zu Besuch war. Sie versuchte mit Gewalt zu verdrängen was sie empfand, und so erfuhr sie nichts von seinem weiteren Werdegang, hatte nicht erfahren, dass er bereits mit seinem Studium fertig war und seit einiger Zeit als erfolgreicher Arzt in der Universitätsklinik praktizierte.

Als sie in die leuchtend blauen Augen von Andreas sah, wusste sie, dass er ebenso empfand.

„Dass wir uns auf diesem Wege einmal wiedersehen würden, hätte ich nicht gedacht.“ Andreas Sanders setzte sich auf einen Stuhl, der beim Bett stand. Dann umgriff er ihre Hand. "Du hast unglaubliches Glück gehabt, was diesen Unfall anging. Um ein Haar hätten wir dich verloren.“

„Verloren? Was genau war los mit mir?“ Susannes Augenbrauen zogen sich zusammen. Sie verstand nicht.

„Der Wagen hat dich voll erwischt“, begann der junge Mann zu erzählen. „Als man dich einlieferte, hing dein Leben am seidenen Faden. Du hattest schwere innere Verletzungen, und dein Bein bereitete uns auch ganz schöne Schwierigkeiten; wir hätten es beinahe amputieren müssen.“ Andreas machte eine kurze Pause. Dann fügte er hinzu: „Aber Gott sei Dank bist du am Leben – und das ist das wichtigste was zählt.“

Auf einmal schoss Susanne die Eröffnung ihres Geschäftes durch den Kopf. Wenn der Unfall so schwerwiegend war, wie Andreas es ihr gerade erzählte, musste doch eine ziemlich lange Zeit vergangen sein, in der sie hier im Krankenhaus gelegen hatte. „Wie lange bin ich bereits hier?“, fragte sie mit leicht zittriger Stimme.

 

Zwei Wochen waren seither vergangen, zwei ganze Wochen. Sie habe im Koma gelegen, hatte ihr Andreas gesagt. Vierzehn Tage lang, in denen die Ärzte um ihr Leben kämpften und in denen sie den Kampf gewannen. Ein Augenblick der Unachtsamkeit hatte ausgereicht, um beinahe ein Leben auszulöschen.

Dass die Eröffnung der Boutique noch nicht erfolgt war, hatte zuerst ein wenig Zorn in ihr ausgelöst. Doch als sie genau darüber nachdachte, was Verena, ihre Geschäftspartnerin und gute Freundin, ihr beim ersten Besuch gesagt hatte, ließ sie nüchterner denken. Ja, Verena und Andreas hatten recht damit, wenn sie sagten, dass es am wichtigsten war, dass sie noch am Leben war.

Noch mehr allerdings beschäftigte sie, dass es Andreas war, der ihr das Leben rettete. Er war erst vor kurzem in dieser Klinik eingestellt worden. Und nur dem Zufall war es zu verdanken, dass er an diesem Morgen seinen Dienst verrichtete, als man die junge Frau mit schwersten Verletzungen in die Notaufnahme der Universitätsklinik einlieferte. Schwerer Verkehrsunfall mit Personenschaden, hieß es bei der Aufnahme. Dass sie beide nun allerdings durch diesen unglücklichen Zufall wieder zusammengeführt worden waren, hatte sie nicht gewollt, da es wieder Erinnerungen und Gefühle mit sich brachte, die sie im Grunde genommen eigentlich nicht wollte.

Als Verena damals davon erfuhr, weshalb es Susanne vermied, Kontakt zu Andreas zu unterhalten, hatte sie zu ihr gesagt: „Du bist doch verrückt. Warum wehrst du dich gegen deine Gefühle? Er ist doch nicht dein leiblicher Bruder. Und wie es aussieht, empfindet Andreas genauso wie du.“ Vielleicht hatte Verena gar nicht so unrecht, zumindest mit dem, was Andreas mit seinen Gefühlen ihr gegenüber anging. Doch ihre moralischen Argumente, dass solche Gefühle nicht angebracht seien, weil sie ja wie Geschwister „in einer Familie“ aufgewachsen seien, hatte Verena sogar als schwachsinnigen Gedanken von Susanne abgetan. Verena verstand die junge Frau einfach nicht, weil sie sich nur unnötigen Schmerz zufügte.

Susanne Neuberger fühlte sich in gewisser Weise Andreas Sanders ausgeliefert. Sie lag hilflos im Krankenbett, wenn der junge Mann zu ihr aufs Zimmer kam, sei es als Arzt oder nur zu Besuch, und musste mitansehen, wie sie mit ihren Gefühlen immer stärker ins Schwanken geriet.

Und er unternahm nichts Gegenteiliges, um sie von ihren Emotionen zu befreien. Im Gegenteil. Nachdem sie nun am dritten Tag von der Intensivstation auf die normale verlegt wurde, hatte Andreas ihr sogar Rosen mitgebracht.

„He, das ist doch eindeutig“, sagte Verena, als sie von Susanne erfahren hatte, von wem die Rosen waren. „Wieso wehrst du dich so intensiv gegen deine Gefühle? Ich merke doch, dass er dir eine Menge bedeutet. Du kannst mir glauben, Susanne, ich wäre glücklich, wenn mir Jürgen mal dunkelrote Rosen geschenkt hätte.“

 

„Guten Morgen, Frau Miesgelaunt“, grinste Andreas, als er eines Morgens das Krankenzimmer betrat. „Gut geschlafen?“

„Was?“ Die junge Frau sah ihn erstaunt an. „Frau Miesgelaunt?“

„Ja, genau, Frau Miesgelaunt“, er richtete seinen Arztkittel und setzte sich auf den Bettrand. „Ich habe irgendwie den Eindruck“, sagte er auf einmal und war mit seinen Worten ernst geworden, „dass du mir mit deinen Gefühlen aus dem Weg gehst. Kann das möglich sein? Ich meine, wir empfinden beide dasselbe füreinander. Aber du versuchst mit aller Gewalt, mir vor den Kopf zu stoßen.“ Er griff nach ihrer Hand. „Aber weshalb?“

Röte stieg ihr ins Gesicht. Sie blickte unter sich und schwieg kurz. „Andreas, unsere Gefühle dürfen einfach nicht sein.“

„Weil du bei uns zu Hause groß geworden bist?“ Er hob mit der linken Hand Susannes Kinn und schaute ihr gerade in die Augen. „Wir sind vielleicht gemeinsam in einer Familie aufgewachsen, doch es spricht nichts Ethisches oder gar Rechtliches dagegen, weshalb wir unsere Gefühle nicht zulassen sollten.“

„Woher weißt du überhaupt----?“ Susanne brach ab. Auf einmal fiel ihr Verena ein. Sie sollte doch nicht etwa Andreas von alldem erzählt haben, was sie über sich und ihre Gefühlswelt berichtet hatte. „War es Verena?“

„Wer ist Verena?“ Andreas schien erstaunt. „Ist das die junge Dame, die dich öfters besucht?“ Dann fügte er hinzu: „Eine sympathische, hübsche Frau. Was weiß sie eigentlich alles über dich?“

Es war dieses leichte Grinsen um seine Lippen, das ihr auf einmal auffiel und sie beinahe zur Weißglut brachte. Dieser Gesichtsausdruck verriet, dass es also stimmte, was sie vermutete. Hatte Verena also doch aus dem sogenannten Nähkästchen geplaudert. „Ach, lass mich doch in Ruhe!“, sagte sie mit einem Male wütend. Sie nahm die andere Hand und wollte Andreas vom Bett schieben.  

Doch Andreas Sanders verhinderte dies mit Leichtigkeit. Als er mit seinen Händen nun ihre beiden umgriffen hatte, beugte er sich vor und berührte mit seinen Lippen die ihre.

Susanne wehrte sich nicht gegen seinen Kuss und ließ es geschehen. Insgeheim hatte sie doch gehofft, dass er dies eines Tages tun würde. Und endlich gab es nun nicht mehr dieses Durcheinander ihrer Gefühle.

Ja, sie liebte Andreas. Und sie war froh darüber, dass er dasselbe für sie empfand.

„Es war Verena, nicht wahr?“, fragte sie ihn erneut, als er sich von ihr löste. Noch immer fühlte sie ihre Hände umgriffen.

„Sagen wir es so: Sie hat ein wenig eine Art Amor Engel gespielt“, sein Gesichtsausdruck war weich und zärtlich. „Susanne, ich liebe dich. Die Jahre, die wir getrennt waren, waren die einsamsten meines Lebens. Doch ich habe mich in dieser Zeit nie getraut, Kontakt zu dir aufzunehmen, weil ich annahm, du würdest niemals so empfinden wie ich.“

Susanne blickte für einen Augenblick nach draußen. Verena hatte die ganze Zeit über recht gehabt. Nein, sie war ihr nicht böse, dass sie mit Andreas darüber gesprochen hatte, was sie für ihn empfand. Womöglich wären sie sogar noch längere Zeit aneinander vorbeigelaufen, ehe sie sich zu ihren Gefühlen bekannt hätten, wer weiß? Allerdings hatte sich ihre Freundin doch etwas zuzuschreiben. Sie sollte zur Strafe ihre Trauzeugin werden, wenn SIE und ANDREAS eines Tages heiraten würden….

 

© 2019 Judith Hohmann

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