Judith Hohmann Autorin & Tierschutz
Judith Hohmann Autorin & Tierschutz

Tapezieren mit Hindernissen

Nun hatte sie alles, was sie brauchte, dachte Steffi und schloss den Kofferraumdeckel mit einem leisen Seufzer. Ehe sie den Einkaufswagen davonschob, warf sie noch einmal einen Blick in den Kofferraum, in dem einige Rollen Tapeten und sonst noch dazu gehörte drinnen lagen.

Als sie nun den Einkaufswagen in den nächsten der langen Wagenreihe versuchte einzuhängen, um schließlich die Münze aus dem Vorhängeschloß zu holen, bemerkte sie, dass sich das Metallteil in ihrem Wagen verhakte. Sie fluchte laut und riss an dem Bügel herum. Doch noch immer tat sich an den beiden Wagen nichts. 

Sie hatte sich beinahe damit abgefunden, dass sie die Münze nicht mehr heraus bekam, als sie von hinten eine Männerstimme vernahm: "Kann ich Ihnen behilflich sein?"

Als sie sich umdrehte, blickte sie in das Gesicht eines etwa dreißigjähigen, dunkelhaarigen Mannes. Er trug einen weißen Kittel, und Steffi nahm an, dass er in diesem Baumarkt beschäftigt war.

Röte stieg ihr ins Gesicht. "Ich weiß nicht", stammelte sie auf einmal, "aber heute scheint überhaupt nichts zu gelingen. Dieser verdammte Euro hängt fest, und seit ich mir vorgenommen habe, in meiner Wohnung neu zu tapezieren, geht einfach alles in die Hosen." Sie hob die Schultern und lächelte verlegen auf die Einkaufswagen hinab.

"Lassen Sie mich mal", sagte er mit sanfter Stimmte und zwängte sich an ihr vorbei. "Den Euro haben Sie noch nicht ganz verloren." Mit einem Ruck hatte er den Wagen aus dem vorherigen herausgezogen. "Sehen Sie", lächelte er und reichte ihr schließlich das Geldstück.

"Danke", sagte sie mit einem Lachen auf dem Gesicht. "Es gibt doch noch hilfsbereite Menschen. Jetzt kann es nur noch aufwärts gehen." Sie warf ihre langen blonden Haare in den Nacken zurück und steckte den Euro in die Brusttasche seines Kittels. "Es gibt wirklich nur noch wenige Gentleman." MIt diesem Satz stieg sie in den Wagen und fuhr nach kurzem Winken rasch nach Hause.

 

Das Zimmer war leer. Die Möbel standen auf dem Flur und in den anderen Zimmern verteilt, und nach beinahe fünf Stunden war Steffi mit dem Anbringen der Tapeten fertig geworden.

Nun, nachdem die Decke geweißt, die Tapeten an der Wand hingen, musste nur noch alles trocknen, und bereits morgen früh konnte sie, nachdem die Möbel wieder an ihrem Platz standen, mit dem nächsten Raum los legen.

"Wie gut, dass ich nicht die einzige bin, die hier im Haus renoviert", dachte sie und zog eine Grimasse. Es störte sie schon ein wenig, dass in der Wohnung gegenüber seit einigen Tagen herumgehämmert, aber auch gebohrt wurde. Vor einer Woche war dort ein neuer Mieter eingezogen. Um wen es sich handelte, wußte sie nicht.

Jetzt saß sie auf einem Stuhl und genoß ihren heißen Kaffee, den sie sich gerade zubereitete hatte, als es an der Wohnungstüre läutete.

Sie erkannte ihn sofort wieder, als sie die Türe öffnete. "Sie?", fragte sie erstaunt.

Ihr Gegenüber lächelte verlegen. Dann sagte er: "Ich wollte mich nur kurz vorstellen. Mein Name ist Michael. Ich bin Ihr neuer Nachbar. Was ich noch sagen wollte ist, es tut mir sehr leid, wenn ich soviel Lärm machen sollte. Aber ich bin gerade am renovieren."

Sie lächelte. Auf der Heimfahrt hatte sie immerzu an diesen netten Kerl vor dem Baumarkt denken müssen und es bereut, ihn nicht nach seinem Namen gefragt zu haben.

"Jetzt kann ich mich endlich richtig für Ihre Hilfe heute bedanken", sagte sie auf einmal.

Er grinste ein wenig. Hatte er sie also nun auch erkannt. "Sie waren auf einmal so rasch verschwunden, dass ich keine Gelegenheit hatte, Sie nach Ihrem Namen zu fragen. Wissen Sie, ich hätte Sie nämlich gerne zum Essen eingeladen."

 

E n d e

(c) JH 5/1995

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Im Chaos der Gefühle  Dezember 2017

 

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